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DOKTORAND DER IMMUNOLOGIE AN DER GUERICKE-UNIVERSITÄT MAGDEBURG

Hussein und Basel aus Syrien

„ Bitte geht euren Weg bis zum Ende“, so verabschiedete der Vater im Frühjahr 2015 seine Söhne Hussein und Basel, als sie die Flucht nach Europa antraten. Schweren Herzens entschied die Familie diesen Weg für ihre Kinder. Sie sollten in der umkämpften Stadt Aleppo nicht ihr Leben riskieren. Nach dem Besuch eines Fachgymnasiums machte Hussein in Aleppo noch im Jahr 2009 sein Abitur, es folgte ein Diplom im Studiengang biotechnologische Ingenieurwissenschaft und er absolvierte ein Magisterjahr an der Uni in Aleppo, kriegsbedingt jedoch ohne Abschluss. Sein Bruder Basel hatte einen Bachelor in Finanz- und Bankwesen abgeschlossen. Nun stand aber die größte Herausforderung vor ihnen: Die Flucht in das unbekannte Deutschland. Im Schlauchboot, das für 12 Personen zugelassen war, aber 54 Leute darauf eng an eng saßen, ging es über das Mittelmeer gen Griechenland. Statt der angekündigten 30 Minuten dauerte die Tour über 7 Stunden. In Mitilini, der Hauptstadt der Insel Lesbos angekommen, folgten 20 Tage im griechischen Gefängnis. Mit einem Dokument, was u.a. die beiden Brüder erhielten, machten sie sich auf nach Athen und dann 15 Tage illegal und zu Fuß bis nach Serbien. In Belgrad blieben sie ca. 10 Tage mit einer Gruppe in einer Unterkunft, wo sie pro Person 10 Euro pro Nacht zu zahlen hatten. In Ungarn waren sie schon an die 2.000 Leute, die zumindest  schon in Europa angekommen waren. „Gegenseitig motivierten wir uns, weiter zu gehen“ so der damals 25-jährige Hussein. Trotz der wunden Füße, die bereits bluteten. An der ungarischen Grenze war der Wald ihr Versteck, denn die Polizei suchte mit Spürhunden nach Flüchtlingen. Immer wieder nahmen sie den erschöpften Frauen die Kinder ab und trugen sie. Nach 80 Tagen, genau am 14. Juni 2015, waren sie zu siebent in Passau angekommen. Ihr erster Blick fiel auf ein Gebäude mit dem Schriftzug „Kaufland“. Husseins und Basels Vater war Deutschlehrer, so konnten sie die Schrift lesen und ihnen wurde automatisch Hunger und Durst bewusst. Beschämend schauten sie auf ihre schmutzige Kleidung, als ein Polizeiauto auf sie zukam. „Wir sind Flüchtlinge“ sagten sie. Das war den freundlichen Polizisten natürlich  klar. Die Gruppe wurde auf verschiedene Heime verteilt. Die Brüder blieben zusammen und kamen nach Halberstadt. Mit 16 Stunden Schlaf holten sie ihre Schlafdefizite auf, erzählt Hussein, bevor am nächsten Tag die Gespräche stattfanden. Für die beiden Brüder stand fest, dass sie auf jeden Fall weiter studieren möchten. Am Endes Weges ankommen, so hatten sie es dem Vater versprochen. In Magdeburg erfolgte ein Deutsch Integrationskurs mit dem Sprachabschluss B1, im Anschluss  noch weitere, die ein Studium  an der Otto-von-Guericke- Universität ermöglichten. Husseins Deutschlehrerin schickte ihn zum Internationalen Bund. Auch wohlwissend, dass er dort vielleicht einen Nebenjob erhalten könnte. Denn mittlerweile war auch seine Frau Aja aus Syrien nachgekommen. Aja studiert Wasserwirtschaft, musste aber den Deutschkurs wegen Familiennachwuchs unterbrechen. Das Geld war knapp für die kleine Familie. Hussein nahm am ESF-Projekt „Jobbrücke PLUS“ beim Internationalen Bund teil. Anliegen dieses Projektes ist die Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung in Sachsen-Anhalt zu bringen. Elena Slavkova ist beim Internationalen Bund für Jobmentoring zuständig. Sie und ihr Team waren überglücklich ein solch naturwissenschaftliches Talent in ihren Reihen zu haben. Der Bedarf an Nachhilfe, insbesondere in den Fächern Mathematik, Biologie aber auch Deutsch ist für ihre Schützlinge groß. Seine Unterstützung sehr willkommen. Hussein begann schließlich am 1. Oktober 2017 mit dem Master-Studiengang „Immunologie“ an der Medizinischen Fakultät und erhielt nach seiner Verteidigung im April letzten Jahres seine Dokumente mit einem ausgezeichneten Abschluss. Auf der Suche nach einem Job führte ihn sein Weg wieder zu Elena Slavkova zum Internationalen Bund. Und die hatte zum Glück das gewisse Bauchgefühl und machte den bescheidenen Syrer nach vielen Gesprächen so richtig fit für ein Vorstellungsgespräch auf eine Doktorandenstelle. Nach einem dreistündigen Gespräch in der Medizinischen Fakultät war er so überzeugend, dass er die vor wenigen Wochen im Januar auch erhielt.

Trotz anfänglicher  Sprachprobleme während des Studiums, dem Leben mit einer völlig anderen Kultur und so manch schlechte Begegnung mit Menschen, die gegenüber Ausländern Vorurteile haben, kann Hussein sagen, dass er angekommen ist. Es sei nur schade, dass sein Vater, dass nicht bis zum Schluss erlebt hat .Er verstarb im letzten Jahr. Sein Vermächtnis aber haben die Söhne umgesetzt.

(Text: Gisela Lichtenecker)